Hormonelles Ungleichgewicht: Symptome, Ursachen & Diagnostik

Zum Blog | Verfasst von Felix Neuhaus

Hormonelles Ungleichgewicht – Symptome, Ursachen und sinnvolle Diagnostik

Ich fühle mich irgendwie nicht mehr wie ich selbst – können das die Hormone sein?

Ich schlafe schlechter, nehme leichter zu, bin gereizter, mein Zyklus verändert sich und irgendwie fühle ich mich nicht mehr wie ich selbst. Können daran die Hormone schuld sein?
Grundsätzlich: Ja, Hormone können an solchen Veränderungen beteiligt sein.
Ein „hormonelles Ungleichgewicht“ ist allerdings zunächst keine konkrete Diagnose. Müdigkeit, Gewichtszunahme, Stimmungsschwankungen, Schlafprobleme oder Libidoverlust können sehr unterschiedliche Ursachen haben.
Deshalb müssen wir zunächst herausfinden, welches hormonelle System überhaupt betroffen sein könnte.
Geht es eher um die Schilddrüse? Um Stresshormone? Um Östrogen und Progesteron? Um Testosteron? Oder spielt der Stoffwechsel mit Insulin und Blutzucker eine entscheidende Rolle?
Denn Hormone funktionieren nicht isoliert. Sie bilden ein Netzwerk.

Verfasst von Felix Neuhaus

Wie sich Erschöpfung äußern kann und welche Bereiche wir uns genauer anschauen sollten

Das Wichtigste in Kürze

  • Ein hormonelles Ungleichgewicht ist zunächst keine eigenständige Diagnose.
  • Hormone beeinflussen unter anderem Energie, Schlaf, Stimmung, Sexualität, Zyklus und Körperzusammensetzung.
  • Stresshormone, Sexualhormone, Schilddrüsenhormone und Stoffwechsel beeinflussen sich gegenseitig.
  • Beschwerden allein beweisen keine Hormonstörung.
  • Bei Frauen ist der Zeitpunkt einer Hormonmessung innerhalb des Zyklus entscheidend.
  • Nicht jedes Hormon wird sinnvoll auf dieselbe Weise untersucht.
  • Entscheidend ist nicht nur, welches Hormon verändert ist, sondern warum.

Was sind Hormone eigentlich?

Hormone sind Botenstoffe.

Sie ermöglichen es verschiedenen Organen und Geweben, miteinander zu kommunizieren und Prozesse im gesamten Körper zu steuern. Dabei beeinflussen Hormone unter anderem:

  • Energie und Stoffwechsel,
  • Schlaf und Wachheit,
  • Stimmung und Belastbarkeit,
  • Sexualität und Libido,
  • Menstruationszyklus und Fruchtbarkeit,
  • Muskelaufbau,
  • Fettverteilung,
  • Körpertemperatur,
  • sowie zahlreiche Regenerationsprozesse.

Das Entscheidende dabei: Kein Hormon arbeitet vollkommen für sich allein.

Genau das macht die Hormondiagnostik häufig komplizierter, als einfach einen einzelnen Laborwert zu bestimmen.

Hormone funktionieren als Netzwerk

Stresshormone, Sexualhormone, Schilddrüsenhormone und Stoffwechselhormone beeinflussen sich auf unterschiedlichen Ebenen gegenseitig. Deshalb interessiert uns beispielsweise bei einem niedrigen Progesteronwert nicht nur: „Wie bekommen wir Progesteron höher?“

Die wesentlich wichtigere Frage lautet: „Warum ist Progesteron überhaupt niedrig?“

Liegt eine Störung des Eisprungs vor? Besteht eine ausgeprägte Stressbelastung? Ist die Energieverfügbarkeit zu gering? Befindet sich die Frau bereits in der Perimenopause? Gibt es Veränderungen der Schilddrüse oder andere medizinische Ursachen?

Dasselbe gilt für Testosteron.

Ein niedriger Testosteronwert ist zunächst ein Befund. Erst die Ursachenklärung zeigt, welche therapeutische Konsequenz daraus entsteht.

Welche Symptome können auf hormonelle Veränderungen hinweisen?

Hormonelle Veränderungen können sehr unterschiedliche Beschwerden verursachen.

Typische Beschwerden bei Frauen

Dazu können beispielsweise gehören:

  • PMS oder ausgeprägte prämenstruelle Beschwerden,
  • Brustspannen,
  • Wassereinlagerungen,
  • Zyklusveränderungen,
  • Schlafprobleme,
  • Stimmungsschwankungen,
  • Libidoverlust,
  • Haarausfall,
  • Gewichtsveränderungen,
  • Hitzewallungen,
  • oder Veränderungen der Temperaturwahrnehmung.

Typische Beschwerden bei Männern

Bei Männern können unter anderem auftreten:

  • Libidoverlust,
  • verminderter Antrieb,
  • weniger Energie,
  • nachlassende Muskelmasse,
  • schlechtere Regeneration,
  • reduzierte Trainingsleistung,
  • Erektionsstörungen,
  • Stimmungsschwankungen,
  • sowie eine Veränderung der Körperzusammensetzung.

Viele Beschwerden überschneiden sich bei Männern und Frauen.

Erschöpfung, Brain Fog, Schlafprobleme, Gewichtszunahme oder eine verminderte Belastbarkeit können beispielsweise bei unterschiedlichsten hormonellen und nicht hormonellen Problemen auftreten.

Deshalb gilt: Ein Symptom ist ein Hinweis – noch keine Diagnose.

Welche Hormonsysteme sind besonders wichtig?

Östrogene

Östrogene werden häufig ausschließlich mit dem weiblichen Zyklus verbunden. Ihre Funktionen reichen jedoch deutlich weiter und betreffen unter anderem Knochenstoffwechsel, Gefäßsystem, Gehirn und verschiedene Gewebe.

Bei Frauen verändert sich die Östrogensituation sowohl innerhalb eines einzelnen Zyklus als auch erheblich über verschiedene Lebensphasen.

Deshalb muss ein Östrogenwert immer im entsprechenden biologischen Kontext betrachtet werden.

 

Progesteron

Progesteron spielt insbesondere in der zweiten Zyklushälfte sowie für Schwangerschaft und Reproduktion eine zentrale Rolle.

Veränderungen der Progesteronsituation können unter anderem im Zusammenhang mit Zyklusveränderungen und prämenstruellen Beschwerden relevant werden.

Dabei ist jedoch entscheidend, Progesteron nicht isoliert zu betrachten. Zyklusphase, Eisprung und das Zusammenspiel mit anderen Hormonen müssen berücksichtigt werden.

 

Testosteron

Testosteron ist keineswegs nur für Sexualität verantwortlich.

Es beeinflusst unter anderem Muskelmasse, Knochen, Sexualfunktion und verschiedene Stoffwechselprozesse – bei Männern ebenso wie bei Frauen, wenn auch in deutlich unterschiedlichen Konzentrationen.

Gerade bei Männern können Veränderungen der Testosteronsituation mit nachlassender Libido, weniger Antrieb, schlechterer Regeneration und Veränderungen der Körperzusammensetzung einhergehen.

 

Cortisol

Cortisol gehört zu unseren wichtigsten Stresshormonen.

Es folgt normalerweise einem ausgeprägten Tagesrhythmus und spielt unter anderem bei Energiebereitstellung, Blutzuckerregulation, Kreislauf und Stressreaktion eine Rolle.

Deshalb lässt sich Cortisol nicht sinnvoll beurteilen, ohne Zeitpunkt, Tagesrhythmus und konkrete diagnostische Fragestellung zu berücksichtigen.

 

Schilddrüsenhormone

Schilddrüsenhormone beeinflussen den Energieumsatz praktisch des gesamten Körpers.

Veränderungen der Schilddrüsenfunktion können deshalb unter anderem mit Müdigkeit, Gewichtszunahme, Temperaturveränderungen, Verdauungsproblemen und verminderter Leistungsfähigkeit zusammenhängen.

Die Schilddrüse sollte dabei ebenfalls nicht isoliert vom übrigen Stoffwechsel betrachtet werden.

 

Insulin

Auch Insulin gehört in die hormonelle Betrachtung.

Es spielt eine zentrale Rolle bei der Regulation unseres Blutzuckers und damit bei der Bereitstellung und Speicherung von Energie.

Störungen des Glukose- und Insulinstoffwechsels können wiederum mit Körperzusammensetzung, Energie, Hunger und anderen hormonellen Systemen interagieren.

Hormone und Stoffwechsel lassen sich deshalb kaum sinnvoll voneinander trennen.

Was macht chronischer Stress mit unseren Hormonen?

Chronischer Stress bedeutet nicht einfach, dass der Körper seine „Rohstoffe“ ausschließlich für Cortisol verbraucht und deshalb keine Sexualhormone mehr produzieren kann.

Dieses häufig als „Pregnenolon-Steal“ bezeichnete Modell ist zu stark vereinfacht.

Der tatsächliche Zusammenhang ist komplexer.

Stress beeinflusst über Gehirn, Hypothalamus und Hypophyse verschiedene hormonelle Regelkreise. Gleichzeitig verändern sich häufig Schlaf, Energieverfügbarkeit, Ernährung, Training und Stoffwechsel.

Gerade bei langanhaltender hoher Belastung können dadurch auch reproduktive Hormonsysteme beeinflusst werden.

Plakativ gesprochen:

Für den Körper haben Überleben und akute Belastungsbewältigung eine höhere Priorität als optimale Reproduktionsbedingungen.

Deshalb gehört die Stresssituation bei hormonellen Beschwerden immer mit in die Anamnese.

Energieverfügbarkeit – ein unterschätzter Faktor

Hormone entstehen und funktionieren nicht unabhängig von unserem Ernährungs- und Stoffwechselzustand.

Besonders deutlich wird das bei sportlich sehr aktiven Menschen.

Wenn langfristig mehr Energie verbraucht als aufgenommen wird, kann ein relatives Energiedefizit im Sport – RED-S entstehen.

Das betrifft Frauen und Männer.

Bei Frauen kann sich eine ausgeprägte Unterversorgung beispielsweise durch Zyklusveränderungen bis hin zum Ausbleiben der Menstruation bemerkbar machen.

Bei Männern können unter anderem Sexualhormone, Leistungsfähigkeit und Regeneration beeinträchtigt werden.

Deshalb ist „weniger Körperfett“ nicht unbegrenzt besser.

Der Körper benötigt ausreichend Energie und eine angemessene Körperzusammensetzung, damit physiologische Prozesse zuverlässig funktionieren können.

Auf der anderen Seite können auch Übergewicht und metabolische Störungen die hormonelle Situation beeinflussen.

Es geht also nicht darum, möglichst wenig oder möglichst viel Körperfett zu haben, sondern um ein gesundes metabolisches Umfeld.

Hormone verändern sich im Laufe des Lebens

Nicht jede hormonelle Veränderung ist krankhaft. Gerade bei Frauen verändert sich die hormonelle Situation im Laufe des Lebens erheblich:

Pubertät → reproduktive Jahre → Schwangerschaft → Zeit nach der Geburt → Perimenopause → Menopause

Zusätzlich schwanken Sexualhormone innerhalb eines normalen Menstruationszyklus erheblich.

Bei Männern verlaufen viele Veränderungen weniger abrupt. Alter, Körperzusammensetzung, Schlaf, Erkrankungen, Medikamente und metabolische Gesundheit können unter anderem die Testosteronsituation beeinflussen.

Deshalb muss ein Laborwert immer in seinem biologischen Kontext betrachtet werden.

Nicht jede hormonelle Veränderung muss behandelt werden. Entscheidend ist, ob Beschwerden oder eine relevante Störung vorliegen.

Wie werden Hormone sinnvoll untersucht?

Nicht jedes Hormon wird auf dieselbe Weise untersucht. Henau hier passieren häufig Fehler.

Hormondiagnostik im Blut

Viele Sexual- und Schilddrüsenhormone werden zunächst im Blut bestimmt. Je nach Fragestellung können beispielsweise Östradiol, Progesteron, Testosteron, SHBG, LH und FSH untersucht werden.

Welche Werte sinnvoll sind, hängt von den Beschwerden ab.

Ein möglichst großes Hormonpanel ist deshalb nicht automatisch eine bessere Diagnostik.

 

Der Zyklustag ist entscheidend

Bei Frauen reicht es nicht, einfach irgendwann im Monat Sexualhormone zu bestimmen.

LH und FSH werden je nach Fragestellung häufig in der frühen Follikelphase beurteilt.

Progesteron muss dagegen in Bezug zum Eisprung interpretiert werden. Soll beispielsweise die Lutealphase beurteilt werden, ist eine Messung ungefähr in der Mitte der zweiten Zyklushälfte – häufig etwa sieben Tage nach dem Eisprung – wesentlich aussagekräftiger als die pauschale Vorgabe „Tag 21“.

Denn nicht jede Frau hat einen 28-Tage-Zyklus mit Eisprung an Tag 14.

Der richtige Messzeitpunkt kann bei Hormonen genauso wichtig sein wie der Laborwert selbst.

 

Stresshormone und Tagesrhythmus

Bei Cortisol hängt die geeignete Diagnostik stark von der medizinischen Fragestellung ab.

Serum-Cortisol ist in der etablierten endokrinologischen Diagnostik durchaus relevant. Speichel- oder Urinmessungen können bei bestimmten Fragestellungen ebenfalls eingesetzt werden.

Wichtig ist vor allem: Cortisol besitzt einen ausgeprägten Tagesrhythmus. Ein einzelner Wert ohne Berücksichtigung von Uhrzeit und Fragestellung kann deshalb nur eingeschränkt interpretiert werden.

Der häufigste Fehler: ein einzelnes Hormon behandeln

Ein niedriger Progesteronwert bedeutet nicht automatisch: Progesteroncreme.

Und ein niedriger Testosteronwert bedeutet nicht automatisch: Testosteronersatztherapie.

Beides kann in der richtigen medizinischen Situation sinnvoll sein. Aber vorher muss die entscheidende Frage beantwortet werden: Warum ist der Wert verändert?

Mögliche Ursachen können völlig unterschiedlich sein:

  • Stress,
  • Schlafmangel,
  • eine zu geringe Energieverfügbarkeit,
  • Übergewicht und metabolische Erkrankungen,
  • Medikamente,
  • die jeweilige Lebensphase,
  • Störungen der Eierstöcke oder Hoden,
  • sowie Veränderungen übergeordneter hormoneller Steuerzentren.

Wenn wir nur den Laborwert verändern, ohne seine Ursache zu verstehen, behandeln wir möglicherweise lediglich die Zahl.

Wie behandelt man ein hormonelles Ungleichgewicht?

Eine sinnvolle Behandlung beginnt deshalb nicht mit einem bestimmten Supplement oder Hormon. Sie beginnt mit einer strukturierten Ursachensuche.

Unser Vorgehen lässt sich vereinfacht in 5 Schritte unterteilen:

1. Beschwerden und Muster erkennen

Welche Symptome treten auf? Wann treten sie auf? Gibt es einen Zusammenhang mit Zyklus, Stress, Schlaf, Ernährung oder bestimmten Lebensphasen?

2. Ursachen eingrenzen

Welches hormonelle System könnte überhaupt beteiligt sein?

3. Gezielte Diagnostik

Welche Laborwerte oder weiteren Untersuchungen beantworten die konkrete Fragestellung?

4. Ursache behandeln

Je nach Befund können Stoffwechsel, Ernährung, Energieverfügbarkeit, Schlaf, Stress, Nährstoffversorgung oder eine spezifische medizinische Therapie relevant werden.

5. Verlauf kontrollieren

Hat sich nicht nur der Laborwert verändert, sondern auch das Beschwerdebild?

Denn letztlich behandeln wir keine Laborwerte.

Wir behandeln Menschen.

Wann sollte man seine Hormone untersuchen lassen?

Eine Hormondiagnostik kann insbesondere dann sinnvoll sein, wenn neu auftretende oder anhaltende Beschwerden ein hormonelles Muster vermuten lassen. Dazu gehören:

  • deutliche Zyklusveränderungen,
  • ausgeprägtes PMS oder PMDS,
  • unerklärlicher Libidoverlust,
  • Kinderwunsch,
  • Hitzewallungen oder andere Beschwerden der Perimenopause,
  • auffällige Veränderungen von Muskelmasse und Körperzusammensetzung,
  • Sexualfunktionsstörungen,
  • oder ein unerklärlicher Leistungs- und Energieverlust.

Welche Hormone anschließend untersucht werden sollten, ergibt sich aus der jeweiligen Fragestellung.

Ein großes Hormonpanel ohne konkrete Fragestellung ist nicht automatisch bessere Diagnostik.

Über Felix Neuhaus

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